Falsch: „Ein Pflegekind hat immer zwei Familien"

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Neulich im Amtsgericht. Das inzwischen zweijährige Kind lebt seit seiner sechsten Lebenswoche bei der Großmutter. Die leibliche Mutter hatte das Kind stark vernachlässigt. Während der Zeit bei der Großmutter hat die leibliche Mutter sich kaum gemeldet, die Großmutter mehrfach beim Jugendamt wegen „Misshandlung" angezeigt, das familiengerichtliche Verfahren extrem verzögert durch das Nichteinhalten von Terminen und zwei Hilfeplangespräche beim Jugendamt laut schimpfend vorzeitig verlassen. Es war alles sehr schwierig. Die Sachverständige empfahl nun, das Kind aus dem Haushalt der Großmutter herauszunehmen und fremd zu platzieren. Jedenfalls keinesfalls zur leiblichen Mutter zu geben. Damit war die Großmutter schweren Herzens einverstanden. Sie hatte aber keine Kraft, die ewigen Angriffe ihrer Tochter, der leiblichen Mutter, vom Kind fernzuhalten. Außerdem hatte sie neu geheiratet und wollte sich jetzt auf ihr neues Leben konzentrieren.

 

Auf Nachfrage empfahl die Sachverständige im gerichtlichen Termin, das zweijährige Kind in eine Erziehungsstelle in örtlicher Nähe zum Wohnort der leiblichen Mutter zu geben. Keinesfalls in eine Pflegefamilie. Sie habe es leider schon zu oft erlebt, dass Pflegeeltern die Kinder behandeln wie eigene Kinder und sie in ihre Familie integrieren. Dieses Kind bringe aber bereits ausreichend Familie mit. Daher müsse es professionell gelingen, dem Kind keine neue Familie zu geben und es damit an sich wie ein leibliches Kind zu binden, sondern es dem Kind zu ermöglichen, seinen Kontakt zur Herkunftsfamilie zu festigen. Das ginge besser in einer Erziehungsstelle. Diese würden professioneller als Pflegefamilien arbeiten und mehr Distanz zum Kind hin bekommen.

 

Es sei nun einmal so, dass Pflegekinder immer zwei Familien haben und es enorm wichtig sei, den Schwerpunkt auf die leibliche Familie zu legen. Keinesfalls dürfe das Kind das Gefühl bekommen, es gehöre nicht mehr zu den leiblichen Eltern, sondern müsse sich jetzt an eine neue, fremde Familie gewöhnen. Dem stimmte das Jugendamt zu. Man habe es schon so oft erlebt, dass Pflegeeltern das Kind wie ein eigenes behandeln und nicht akzeptieren, dass sie nicht die richtigen Eltern sind.

 

Dem Anwalt der Großmutter platzt der Kragen. Der Richter ließ glücklicherweise eine rudimentäre Grundsatzdiskussion zu. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich in den Köpfen von Fachleuten, die Sachverständige war immerhin Diplompsychologin, die Dame vom Jugendamt Sozialarbeiterin, die ideologische Grundhaltung festgesetzt hat, ein Kind gehöre immer zu den leiblichen Eltern. Pflegeeltern dürften keine emotionale Nähe zum Kind aufbauen. Sie seien nur Ergänzungsfamilie und müssten alles dafür tun, damit das Kind sich nicht als der Pflegefamilie zugehörig fühlt. Alles andere sei falsch. Selbst hier.

 

Die leibliche Mutter hat dafür gesorgt, dass das Kind mit einer enormen seelischen Belastung ins Leben startet, zerrt am Kind, gönnt ihm sein neues Zuhause bei der Großmutter nicht, sieht alle als Täter und sich selbst nur als Opfer. Dennoch, so die Meinung der „Fachleute", müsse nunmehr alles getan werden, damit das Kind diese „Familie" behalte. Umgangskontakte, Konfliktbearbeitung, örtliche Nähe zur leiblichen Mutter. Natürlich nicht zur Groß- und Pflegemutter. Die hat das Kind zwar in seinen ersten zwei Lebensjahren betreut und großgezogen, ist jetzt aber raus. Das Kind wird dort nunmehr herausgenommen. „Sie erhalten Bescheid". Daher sei hier unbedingt eine Erziehungsstelle angezeigt. Bei einem zweijährigen Kind. Pflegefamilien seien zu unzuverlässig und zu klammernd. Hier müsse Distanz gewahrt werden.

 

Das arme Kind. Das hat jetzt schon verloren. Auf die Frage, ob es denn noch andere Bedürfnisse des Kindes gäbe (Trennungsverarbeitung, Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen) außer der „Herkunftsarbeit" und der Garantie von „möglichst umfangreichen Umgangskontakten zur leiblichen Mutter", herrschte Schweigen im Walde. Das ist den „Fachleuten" auch völlig egal. Hauptsache, das Kind gerate nicht in die Gefahr, eine „neue" Familie zu suchen und zu finden. Es muss unbedingt davor bewahrt werden anderen Menschen lieben zu lernen als die Frau, die es vernachlässigt und traumatisiert hat. Es ist kaum auszuhalten, eine solche kindeswohlverachtende „Diskussion" zu führen.